München, 26. Juni 2015 (Archdiocese of Munich and Freising) Staff Reporter |
Die Asyl-, Flüchtlings- und Einwanderungspolitik der Europäischen Union ist nach Worten von Kardinal Reinhard Marx „ein Trauerspiel, weil wir nicht zu gemeinsamen Lösungen kommen. Nicht einmal auf ein gemeinsames Niveau der Unterbringung können wir uns einigen“. Die humanitären Katastrophen, die sich täglich im Mittelmeer ereigneten, sollten zu einer verbesserten gemeinsamen Migrationspolitik der EU führen, forderte der Erzbischof von München und Freising am Donnerstagabend. Der Kardinal äußerte sich in einem Festvortrag zum Thema „Wie viel Mensch verträgt die Wirtschaft?“, den er anlässlich der Verleihung der Alexander-Rüstow-Plakette durch die Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft in München hielt. Er wurde mit dem Preis ausgezeichnet für seine Verdienste zur Förderung einer menschenwürdigen Marktwirtschaft und sein Engagement für einen Dialog zwischen Gesellschaft und Kirche.
Viel zu lange habe Europa versucht, die Flüchtlinge über das Mittelmeer einfach wieder zurückzuschicken: „Als Christen müssen wir handeln und dürfen nicht die Augen vor dem Elend der Flüchtlinge verschließen, vor dem sie aus ihren Herkunftsländern fliehen. Wir können nicht der Meinung sein, wir schotten uns einfach ab“, sagte der Kardinal: „Was jetzt passiert, ist eine Katastrophe.“ Weder die Verfolgung aus politischen, religiösen oder ethnischen Gründen noch die Wirtschaftsmigration könnten eine Begründung dafür sein, die Türe geschlossen zu halten.
„Ich vermisse in Europa, dass wir Migration viel stärker als Chance begreifen – auch für unseren gemeinsamen Wirtschaftsraum“, erklärte Marx. Es gehe darum, „kluge und verantwortungsvolle Einwanderungspolitik zu betreiben, was aber nicht bedeuten kann: wir nehmen nur die Besten und schicken sie wieder zurück, wenn wir sie nicht mehr brauchen können“. In einem guten Umgang mit Flüchtlingen könnte sich beweisen, wie Wirtschaft und Menschlichkeit gemeinsam gedacht werden könnten. „Menschen nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu begreifen, gehört zu den Grundpfeilern der Sozialen Marktwirtschaft“, sagte Marx. Auch müssten die politischen Anstrengungen zur Stabilisierung der Herkunftsländer verstärkt werden, damit die Menschen dort eine Perspektive hätten.
Der Kardinal äußerte sich auch zur Griechenland-Krise. „Die Menschen dürfen Europa nicht als kaltherziges Wirtschaftsprojekt begreifen“, sagte Marx. Daher müsse die EU auf konstitutioneller Ebene soziale Ausgleichmechanismen besitzen, „die sich an den Menschen richten und ihm verdeutlichen, dass das europäische Projekt der richtige Weg ist, die Lebensqualität aller zu verbessern“. Genau dies misslinge aber derzeit im Ringen um eine Lösung für Griechenland: „Es fehlt – unter Wahrung des Prinzips der Subsidiarität und der je eigenen Verantwortung von einzelnen Personen und Ländern – das Denken im Rahmen eines gemeinsamen Projekts, das Zukunftsperspektiven und Chancen für alle im Blick hat.“ Freilich müsse man Griechenland sagen, dass es in einem gemeinsamen Währungs- und Wirtschaftraum wettbewerbsfähig werden müsse, „aber es ist nicht rübergekommen, dass es um mehr geht, um eine positive Zukunftsperspektive“.
Europa sei ein großes friedensstiftendes und wohlstandsschaffendes Projekt. Seine gemeinsame Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung werde von der Akzeptanz der Bürger getragen. „Fühlen sich einige dauerhaft und systematisch ausgeschlossen, so bröckelt auch die Bereitschaft, diese Ordnung zu akzeptieren“, sagte Marx vor allem auch mit Blick auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit in den südlichen EU-Ländern. „Eine Soziale Marktwirtschaft kann nicht hinnehmen, dass 50 Prozent der Jugendlichen keine Arbeit hat. Man kann nicht ganze Generationen wie in Spanien zur ‚Generacíon Cero‘ abstempeln, das ist ethisch nicht akzeptabel und ökonomischer Wahnsinn“, so der Erzbischof. (kel)
(Quelle: Webseite des Erzbistums München und Freising, 26.06.2015)
